Forum Innovation

Zusammenarbeit und Innovation in den Mittelpunkt stellen

Ein Gespräch mit Gavin Graveson, CEO von Veolia UK, Neil Hargreaves, CEO Knauf Insulation und Tim Rotheray, Direktor ADE

Innovation ist im Trend. Häufig werden damit neue Technologien assoziiert. Hier erklären Gavin Graveson, Neil Hargreaves und Tim Rotheray, weshalb Innovation in einer sich ständig wandelnden Welt zunächst eine Frage der zwischenmenschlichen Beziehungen ist und vor allem von unserer Fähigkeit abhängt, mit anderen zusammenzuarbeiten.
 
Was ist in Ihren Augen Innovation?

Gavin Graveson, CEO von Veolia UK und Irland

Gavin Graveson

„Uns geht es nicht nur darum, die Rentabilität des Kunden kurzfristig zu verbessern, sondern eine nachhaltige Beziehung in einer Welt zu schaffen, die sich wandelt.“
 

Neil Hargreaves: Innovation ist die Fähigkeit, Veränderungen anzuregen, die Dinge anders anzugehen und Bisheriges in Frage zu stellen. Dabei geht es nicht nur darum, neue Produkte zu entwickeln, sondern unseren Kunden und Partnern konkrete Lösungen anzubieten.
Gavin Graveson: Innovation ist wesentlich für den Erfolg eines Unternehmens. In einer Welt, die sich ständig wandelt, erwarten unsere Kunden Innovationen. Wir arbeiten tagtäglich mit ihnen zusammen und sind dazu verpflichtet, über ihren Bedarf nachzudenken und ihnen bei ihren Bemühungen um mehr Nachhaltigkeit zur Seite zu stehen. Innovieren heißt, die Veränderung anzuregen, nicht nur, darüber nachzudenken.
Tim Rotheray: Innovieren heißt, das gleiche Ergebnis wie vorher, womöglich ein besseres Ergebnis zu erzielen, doch auf eine besonderes effiziente, wirtschaftliche und umweltfreundliche Art und Weise.
 
Wie würden Sie Ihren derzeitigen Innovationsansatz in Großbritannien beschreiben?
GG: Innovation kann auf verschiedenen Ebenen erfolgen. Bei Veolia beruht Innovation auf dem Programm "Touch". Wir treffen unsere Kunden regelmäßig, um gemeinsam den aktuellen Marktdruck und eventuelle Kostenprobleme zu besprechen. Wir analysieren ihren Bedarf, um ein gutes Mittelmaß zwischen richtiger und langfristiger Innovation anbieten zu können. Langfristige Innovationen sind ein schwieriges Unterfangen, weil sie auf Prognosen basieren. Bei uns unterliegt Innovation der Drei-Drittel-Regel, wobei das erste Drittel die Marktorientierung ist, dass zweite die gesetzliche Entwicklung und das dritte das Feedback unserer Kunden. Wir berücksichtigen diese drei Aspekte, um über die beste Vorgehensweise zu entscheiden.
NH: Oft beginnt Innovation in der zwischenmenschlichen Beziehung. In einem Unternehmen wie Knauf, das stark kundenorientiert ist, und wo ein Großteil unserer Innovationen auf die Probleme und Sorgen unserer Kunden abgestimmt sind, verhelfen Innovationen zu mehr Rentabilität. Unsere Innovationen beziehen sich jedoch nicht immer auf die Kunden. Manchmal sind sie das Ergebnis besonderer Umstände und der Fähigkeit unserer Mitarbeiter, einen Sachverhalt infrage zu stellen, um leistungsfähigere Lösungen zu finden und die Welt, in der man lebt, zu verbessern.
TR: Im Energiesektor entfernen wir uns vom alten System, in dem Energie zentral erzeugt und anschließend der Nachfrage entsprechend an die Verbraucher abgegeben wurde. Wir verändern uns hin zu einer Welt, in der die Kunden ihre eigene Energie erzeugen und selbst Dienstleistungen bieten, die das Energieversorgungsnetz sichern. Dezentralisierte Energie ist nicht mehr nur eine Frage des Volumens, sie bezieht auch den Verbraucher mit ein: Anstatt sich damit zufrieden zu geben, für Energie zu zahlen, trägt der Kunde gegen Vergütung zur Sicherung des Systems und zur Gewährleistung des einwandfreien Betriebs bei.
 
Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Neil Hargreaves, CEO von Knauf Insulation

Neal Hargreaves

„Innovation ist die Fähigkeit, Veränderungen anzuregen, die Dinge anders anzugehen und Bisheriges in Frage zu stellen.“

GG: Wir unterliegen finanziellem und politischem Druck. Der finanzielle Druck erfordert neue Lösungen, mit denen unsere Kunden Einsparungen machen und ihre Rentabilität steigern können (durch Erreichen des Null-Abfallziels, die Verringerung der Behandlungskosten gefährlicher Abfälle…). Was den politischen Druck angeht, betrifft er vor allem die Verringerung der CO2-Emissionen, den Klimawandel und die Luftqualität. In Großbritannien erreicht Veolia dank einer Strategie, die wir auch bei unseren Kunden im Bereich der Fernwärme und Energieeffizienz unterstützen, eine neutrale Kohlenstoffbilanz. Anfang 2019 haben wir den Vertrag für das Sammeln und Recyceln der Abfälle des Londoner Stadtteils "Square Mile" übernommen, wo wir ausschließlich eine elektrische Müllfahrzeugflotte einführen möchten, eine Premiere in diesem Land. Für unsere Kunden sind wir nicht nur ein Anbieter von Lösungen, sondern auch ein langfristiger Partner.
TR: Der Energiesektor wird derzeit mit zwei größeren Phänomenen konfrontiert. Das erste ist die Elektrifizierung der Transportmittel, die in London bereits bei Lieferfahrzeugen und Fahrrädern angefangen hat. Unserer Meinung nach werden elektrische Autos nicht lange auf sich warten lassen. Das bedeutet, dass die Verkehrsmittel bald im Stromnetz berücksichtigt werden müssen, was sich stark auf die Größe und Verwaltung des Netzes auswirken wird. Das zweite Phänomen betrifft das Heizen, das ca. 50 % der Energienachfrage und ein Drittel der Treibhausgasemissionen ausmacht. Angesichts der Dringlichkeit bedingt durch den Klimawandel, wird die nächste Herausforderung darin bestehen, das Heizen kohlenstoffarmer zu gestalten.
 
Wie kann durch Innovation ein Mehrwert geschaffen und eine Veränderung herbeigeführt werden?
GG: Indem wir einen Dialog herstellen und direkt und kontinuierlich mit unseren Kunden zusammenarbeiten. Sie kommen und erklären uns ihr Problem, und wir helfen Ihnen dabei, eine Lösung zu finden, mit der sie produktiver werden, ihre Leistungen optimieren und manchmal sogar eine Krise überwinden können. Innovation ist kein Wunschdenken. Sie ist unmittelbar an die Alltagstätigkeit geknüpft. Bei mehreren unserer Key Accounts arbeiten Mitarbeiter von Veolia direkt am Firmensitz. Die Kunden verfügen somit über eine Art Assistenzbüro, das sie bei Problemen aufsuchen können und wo sie Lösungen finden. Wir bemühen uns darüber hinaus, sie zu beraten und vorab über die rechtlichen Entwicklungen zu informieren. Jeder Kunde ist ein eigener Fall. Uns geht es nicht nur darum, die Rentabilität des Kunden kurzfristig zu verbessern, sondern eine nachhaltige Beziehung in einer Welt zu schaffen, die sich wandelt.
NH: Wir müssen unseren Kunden nah bleiben, die richtigen Fragen stellen und verstehen, wie wir ihnen bei der Steigerung ihrer Rentabilität und dem mittel- und langfristigen Fortbestand ihrer Geschäftstätigkeit helfen können. Intern gelingt das über die Bildung neuer geeigneter Ressourcen und begleitende Werkzeuge, um auf Dauer unsere strategischen Ziele zu erreichen und unsere Vision, die Schaffung einer besseren Welt, in die Realität umzusetzen.
TR: Die beste Antwort auf den Bedarf unserer Kunden finden, das wird im Energiesektor den Unterschied zwischen den Gewinnern und den Verlierern ausmachen. Integrierte Innovation bedeutet, sich vor allem auf die Erwartungen des Kunden zu konzentrieren. Eine weitere Priorität ist meiner Meinung nach der Aspekt der Zusammenarbeit. Innovation beinhaltet zwangsläufig die Suche nach Lösungen außerhalb des eigenen Teams und Unternehmens, um die besten Akteure zu finden und mit ihnen eine Zusammenarbeit zu starten. Die Herausforderung der CO2-Emissionen ist erheblich und wir können nur dann erfolgreich sein, wenn wir in der Lage sind, mit anderen Sektoren zusammen zu arbeiten und aus ihrer Erfahrung zu lernen.
 
Wie entwickelt man in großen Organisationen eine Kultur der Innovation?

Tim Rotheray, Direktor des Verbands für dezentralisierte Energie ADE

Tim Rotheray

„Die beste Antwort auf den Bedarf unserer Kunden finden, das wird im Energiesektor den Unterschied zwischen den Gewinnern und den Verlierern ausmachen.“

GG: Wir sind zwar ein großes Unternehmen, aber das bleiben wir nur, wenn es uns gelingt, uns immer wieder an den Marktbedarf anzupassen. In Großbritannien und konzernweit stehen unseren Mitarbeitern zahlreiche Instrumente zur Verfügung, um auf unsere Kunden und den Markt einzugehen und schnell zu reagieren. Wir gehen das Risiko ein, auch wenn wir dem Markt oder der Gesetzgebung manchmal voraus sind, denn wir möchten bereit sein, wenn neue Umweltvorschriften verabschiedet werden. Das war der Fall an unserem Standort in Rainham, wo Plastik zu lebensmittelgeeigneten Polymeren recycelt und umgewandelt wird.  Wir brauchten drei Jahre, um bereit zu sein. Das war die Zeit, die der Gesetzgeber brauchte, um der Entwicklung zu folgen und die Integration von recyceltem Plastik in Lebensmittelverpackungen zu akzeptieren. Wir haben in diesen drei Jahren viel gelernt, und jetzt ist es ein Erfolg.
NH: Wir bei Knauf Insulation verbringen viel Zeit damit, uns mit unseren Teams auszutauschen, um sicher zu sein, dass unsere Strategie gut verstanden wird. Ob an der Spitze der Organisation oder in den Werken, jeder kann sich die Vision des Unternehmens aneignen und seinem Beitrag einen Sinn geben. Wir verfügen über zahlreiche Kommunikationskanäle: Briefe, E-Mails, Videoinhalte, Websites und mobile Apps. Wir schätzen jedoch immer die Wirkung und die Kraft des direkten Austausches. Konferenzen und Teambesprechungen fördern somit die Kommunikation in unseren Abteilungen. Wir vertreten darüber hinaus eine Reihe von Werten, von denen der wichtigste bei Knauf der Unternehmergeist ist. Die Familie Knauf hat auf diese Weise ein kleines deutsches KMU in eine 10 Milliarden € schwere Multinationale verwandelt. Ein Wachstum, das möglich geworden ist dank einer kundenorientierten Kultur und Unternehmertum.
 
Welche Rolle können die Bürger bei der Energiedebatte spielen?
TR: Energieverbraucher können zum einwandfreien Betrieb des Strom- und Wärmenetzes beitragen. Wärmenetze bieten viele Möglichkeiten, vor allem für Infrastrukturen wie Krankenhäuser, Schulen oder Datacenter. Die Abwärme dieser Gebäude kann in eben diesen Infrastrukturen unmittelbar wiederverwendet werden. Das gleiche gilt für Häuser, die mit Solarboilern ausgestattet sind, die die Wärme in die lokalen Netze einspeisen können. Was die Stromnetze angeht, sorgen Privathaushalte dank der intelligenten Aufladung von Elektrofahrzeugen und der Speicherung der über Solarpaneele erzeugten Energie für mehr Flexibilität. Wohingegen sich Industrieunternehmen auf die intelligente Verwaltung ihrer Prozesse verlassen können. Alle haben die Fähigkeit, selbst zum Dienstleister zu werden und dafür eine Vergütung zu erhalten. Es ist wesentlich, dass ein Unternehmen wie Veolia die Flexibilität des Energienetzes kontrolliert, um den Kunden davon profitieren zu lassen, ohne dass er die Komplexität dieses regulierten Systems verwalten muss.
 
2017 bildeten Knauf und Veolia in Großbritannien eine Partnerschaft, die zum Bau eines Standorts speziell für die Behandlung von Bruchglas in unmittelbarer Nähe des Knauf-Werks in St Helens führte. Was war der Ursprung dieses Projekts?

Die Gesprächspartner

ADE
> Die Association for Decentralised Energy (ADE) ist ein britischer Fachverband, der über 140 Einrichtungen aus Industrie, Handel und Öffentlichkeit vertritt. Dezentralisierte Energie, d.h. Energie, die beim Benutzer hergestellt oder in seiner Nähe produziert wird, könnte eine entscheidende Rolle bei der Ausarbeitung eines neuen flexiblen und intelligenten Energieangebots spielen. Die ADE trägt über ein breites Angebot an Technologien zur Schaffung einer nachhaltigen Umwelt bei, von der kombinierten Strom-Wärme-Erzeugung über Energiemanagementsysteme bis hin zu Energieeffizienzlösungen und Fernwärmenetze.
 
Knauf
> Der familiengeführte Konzern Knauf Insulation ist mit über 37 Produktionsstandorten in 15 Ländern einer der weltweit größten Hersteller von Dämmungsprodukten und -lösungen. Angesichts der klimatischen Veränderungen ist Dämmung ein wichtiger Faktor für den Bausektor geworden, da er zur Entwicklung innovativer Lösungen und energieeffizienter Gebäude beiträgt. 2017 haben Knauf Insulation und Veolia eine wichtige Partnerschaft ins Leben gerufen, um Mineralglaswolle aus recyceltem Glas herzustellen.
 

NH: Dieser Entscheidung lagen mehrere einschlägige Faktoren zugrunde. Angefangen bei der Notwendigkeit, unsere Abläufe zu überdenken: Wir kauften Glas bei Anbietern, die als Mittler zwischen den Glassammlern wie Veolia, und den Herstellern agierten. Anschließend diskutierten wir mit Veolia über die Möglichkeit, eine neue Art der Zusammenarbeit zu entwickeln: Bei dem neuen Modell schließen sich Veolia (der Sammler) und Knauf (der Benutzer) zusammen, um einen Standort zur Behandlung von Bruchglas neben unseren Werken in Großbritannien zu bauen, und somit eine nachhaltige und langfristige Lösung zu haben. Seit 2014 tauschen sich unsere beiden Gruppen intensiv über die verschiedene Möglichkeiten einer Zusammenarbeit aus. Nachdem wir mehrere Veolia-Standorte in Großbritannien besichtigt und ein Team in St Helens empfangen haben, konnten wir die Tätigkeit des anderen besser einschätzen, Einblick in die Unternehmenskultur bekommen und gemeinsame Werte erkennen. Dieser Schritt war entscheidend, um dieser Partnerschaft eine solide Vertrauensgrundlage zu geben.
 
Kann Ihrer Meinung nach eine Partnerschaft, in der Innovation und Nachhaltigkeit miteinander kombiniert werden, das Wachstum des Unternehmens beschleunigen?
NH: Ja absolut! Die Partnerschaft mit Veolia wird bei unseren Kunden immer wieder in den Vordergrund gestellt, damit sie die gesamte Kette des Produktionsprozesses erkennen. Über das nationale Netz an Materialrecyclinganlagen sammelt Veolia das Glas und bringt es zu seinem Bruchglas-Behandlungswerk, das sich direkt neben unserem Standort befindet. Dadurch werden Transportkosten vermieden und der CO2-Fußabdruck durch Tausende vermiedener Fahrkilometer verringert. Sobald das Bruchglas am benachbarten Produktionsstand ankommt, wird der Ofen damit beschickt und das Glas wird geschmolzen. Die Steigerung des recycelten Glasanteils in unserem Prozess führt zu erheblichen Kosteneinsparungen und zur Verringerung der Umweltauswirkungen. Dank der guten Qualität des Bruchglases kann es bis zu 80 % des Enderzeugnisses ausmachen, d.h. wir produzieren eine energiearme Glasfaser. Ein besseres Beispiel für nachhaltige Kreislaufwirtschaft könnte man kaum finden!
 
Welche Innovation hat Sie in den letzten Jahren am meisten beeindruckt?
TR: Ich habe mir vor kurzem ein elektrisches Fahrzeug gekauft. Diejenigen, die noch kein solches Fahrzeug haben, fürchten, dass die Reichweite zu kurz ist und das Auto stehen bleibt. Wenn Sie jedoch eines haben, merken Sie, wie innovativ das Fahrzeug ist! Ebenso wie bei Ihrem alten Fahrzeug können Sie von einem Punkt A zu einem Punkt B fahren, doch beeindruckend leise. Sie müssen sich nicht um die Reichweite kümmern oder eine Tankstelle finden: Es genügt, das Fahrzeug nachts aufzuladen! Schluss mit unnötigem Warten an der Tankstelle. Und beim morgendlichen Frost wird der Fahrzeuginnenraum dank des Vorheizsystems wunderbar erwärmt.
NH: Ich bin sehr stolz auf die Zusammenarbeit mit Veolia, was den Bau der Behandlungsanlage direkt neben unserem Produktionsstandort angeht. Ich habe persönlich mit anderen Mitgliedern unseres Teams an der Umsetzung des Projekts mitgewirkt. Für mich ist diese Initiative ein gutes Beispiel dafür, wie Unternehmen im Sinne einer nachhaltigen kreislauforientierten Wirtschaft zusammenarbeiten können.
GG: Ich möchte zwei Beispiele für eine gelungene Kreislaufwirtschaft und die Benutzung von Abfällen zur Herstellung neuer Produkte nennen: die Benutzung von Glas für Dämmzwecke und die Wiederverwendung von Plastik für Milchflaschen. Das ist ein Weg, keine natürlichen Ressourcen mehr zu verschwenden, die CO2-Emissionen zu senken und das Recycling zu erleichtern. Alle sprechen von Kreislaufwirtschaft, wir praktizieren sie.
 

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