Welche Bedeutung hat der Unternehmenszweck in Zeiten der Krise?

Unter dem Druck der Bürger sowie der Regulierung in einigen Ländern waren Unternehmen in den letzten Jahren auf Sinnsuche nach ihrem Beitrag zu einem verantwortungsbewussteren Kapitalismus. Die beispiellose Krise, in die das Covid-19-Virus die Welt gestürzt hat, bringt die Aufrichtigkeit der Ansätze zu Tage und zeigt über die Gesundheitskrise hinaus die Fähigkeiten von Organisationen, die Gesellschaft beim Wiederaufbau zu unterstützen. Ein Gespräch zwischen Antoine Frérot, CEO von Veolia, und Bernard Sananès, Präsident der Marktforschungs- und Beratungsfirma Elabe.
Veröffentlicht: Dossier Juli 2020

Bei der aktuellen globalen Gesundheitskrise von einem beispiellosen Ausmaß und ihren wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen, auch ethischen Konsequenzen - können und sollten Unternehmen ihr Wachstumsmodell überdenken?

Antoine Frérot: Diese gewalttätige globale Gesundheitskrise hat uns plötzlich in eine andere wirtschaftliche und soziale Realität geworfen. Unternehmen müssen ihr Wachstumsmodell anpassen, und für einige von ihnen wird dies ein radikales Umdenken. Kurzfristig halten sie ihr Geschäft aufrecht, tragen den Schock des Ergebnisausfalls und bereiten sich auf eine Erholung nach der Krise vor. Langfristig geht es um eine Steigerung ihrer Beweglichkeit und Belastbarkeit, die Diversifizierung der Lieferkette, Straffung kritischer Funktionen und den Wiederaufbau von Produkten und Geräten, die für ihren Betrieb usw. unverzichtbar sind. Umso mehr, weil andere Krisen dieser Art wiederkehren können. Im Prinzip sind sie vorhersehbar;  Art, Zeitpunkt und Umfang ist es nicht. Die Bedrohungen haben zugenommen, aber die Reaktionszeit ist geschrumpft. Diese Veränderungen erhöhen die Risiken. Jedoch: Eines der Merkmale eines guten Wachstumsmodells ist das Risikomanagement.

Bernard Sananès: Unternehmen haben beim Planen immer ein Element des Unerwarteten berücksichtigt. In der aktuellen Situation hat sich jedoch die Unvorhersehbarkeit weltweit durchgesetzt und ist systemisch. Diese Brutalität unterscheidet sie von anderen Krisen, die wir erlebt haben. Es besteht kein Zweifel, dass diese Krise wirtschaftliche Modelle in Frage stellt. Es ist offen, wie "Die Welt nach Covid-19" anders sein wird als zuvor. Entweder gibt es ein Szenario, bei dem wir unsere Fähigkeit zeigen, sich an diese ungewisse Zeit anzupassen, oder eines, das tiefgreifendere Änderung unseres Gesellschaftsmodells mit sich bringt.

Welche Rolle spielen Unternehmen in einer Welt mit zunehmenden Krisen, denen wir uns nicht nur stellen, sondern nach denen wir auch wiederaufbauen müssen? Glauben Sie, dass dies ein Treiber für einen „verantwortlichen Kapitalismus“ im 21. Jahrhundert sein könnte?

 

Antoine Frérot, CEO der Veolia-Gruppe

Portrait Antoine Frérot

Durch die Definition der Rolle eines Unternehmens in der Gesellschaft trägt der Purpose zweifellos zur Entstehung eines verantwortungsbewussteren, geduldigeren Kapitalismus bei."

A.F.: In einer extremen Krise verlieren Sie schnell Ihre Orientierung und Standardverfahren sowie die üblichen Reflexe werden plötzlich obsolet. Viele Bezugspunkte verschieben sich. einige bleiben, besonders der Unternehmenszweck oder Purpose, der uns daran erinnert, was essentiell ist. Einer seiner Vorteile besteht darin, das Handeln des Unternehmens langfristig tiefer zu verankern und auf die Zeit nach der Krise zu blicken. Durch die Definition der Rolle eines Unternehmens in der Gesellschaft trägt der Purpose zweifellos zur Entstehung eines verantwortungsbewussteren geduldigeren Kapitalismus bei.

B.S.: In den letzten fünf Jahren ist die Bewegung in Richtung einer verantwortungsbewussteren Form des Kapitalismus, vor allem in Umweltfragen, sehr fortgeschritten. Das entspricht den gesellschaftlichen Erwartungen. Vor der Krise dachten acht von zehn Franzosen,  dass wir unsere Gewohnheiten ändern müssten, in Richtung zurückhaltender Lebensstil und Reduzierung unseres Verbrauchs. Es stellt sich nun die Frage: „Werden Umweltprobleme unter den drei wichtigsten Anliegen der Franzosen bleiben oder Arbeitsplätze, soziale Belange und Gesundheit zur Priorität?" Für mehrere Monate brachte die Wirtschaftskrise und ihre Auswirkungen auf Arbeitslosigkeit und Prekarität zweifellos soziale und wirtschaftliche Fragen zurück an die Spitze der Prioritäten. Langfristig jedoch glaube ich wirklich, dass die meisten Bürger die Verbindung zwischen Gesundheit und Umwelt begreifen und die Suche nach einer Balance zum Schlüssel des individuellen und kollektiven Wohlbefinden wird.

 

Wie können wir sicherstellen, dass dieser Unternehmenszweck keine leere Hülle ist? Wird er begleitet durch einen strategischen Plan? Wenn ja, wie sieht diese Strategie unter Einbeziehung von Mensch, Umwelt und Wirtschaftlichkeit aus?

A.F.: Beispiel Veolia: Wir haben verschiedene Maßnahmen ergriffen, um sicherzustellen, dass der Purpose effektiv umgesetzt wird. Zuallererst berücksichtigt ihn der Verwaltungsrat bei allen seinen Entscheidungsfindungen und Bewertungen. Dann verwendet Veolia jedes Jahr ein Scoreboard zur Überprüfung seiner vielfältigen Leistung, gegliedert in unseren fünf Stakeholdergruppen: Mitarbeiter, Kunden, Aktionäre, Umwelt und die Gesellschaft im Allgemeinen. Schließlich berät ein Stakeholder-Komitee, bestehend aus Vertretern der Zivilgesellschaft, Kunden, Lieferanten, Mitarbeiter und der jungen Generation, unser Management, damit die Gruppe erfolgreich arbeiten kann.

B.S.: Die Frage wird mehr denn je lauten: „Macht das Unternehmen seinen Zweck zu einem Ziel, in dem alles zusammen läuft?“ Das ist ein
echte Herausforderung für Unternehmen. In den Umfragen, die wir im Juni 2019 durchgeführt haben, gab es ein gewisses Maß an Skepsis bei den Menschen in Bezug auf die Aufrichtigkeit der Verpflichtungen. Der Purpose kann Unternehmen glaubwürdiger machen, wenn es nicht nur um Kommunikation geht, sondern in der Krise auf die Probe gestellt und wirklich in alltäglichen Entscheidungen umgesetzt wird und seine Auswirkungen objektiv messbar sind.

Ein Versorgungsunternehmen wie Veolia  besitzt bereits von Natur aus einen „Zweck“ für seinen Kunden (Klima, Umwelt, Verantwortung usw.). Inwiefern bestätigt Veolias Ansatz seine langjährige Positionierung oder beruhigt seine Stakeholder?

A.F.: Unser Ziel entspricht voll und ganz unserer Mission und Geschichte. Als unsere Firma entstand, gab es eine Milliarde weniger Einwohner auf dem Planeten, heute leben hier über sieben Milliarden Menschen. Herausforderungen der Vergangenheit waren Cholera-Prävention, die Versorgung der Städte mit Trinkwasser und Sammlung von Abwasser und Abfall. Heute sind es die Begegnung der Knappheit von Wasser, Energie und Rohstoffen, Behandlung von gefährlichen Verschmutzungen, Zugang zu wesentlichen Dienstleistungen für alle, die Energiewende, der Klimawandel usw. Nur wenige Aufgaben sind so wichtig, um diese großen Herausforderungen zu bewältigen, das betrifft die Menschheit als Ganzes. Unsere Stakeholder sind sich der Bedeutung unserer Handlungen bewusst und unterstützen sie. Sie waren auch eng eingebunden an der Ausarbeitung unseres Unternehmenszwecks, was ihre Rolle stärkt und jedem von ihnen die gleiche Aufmerksamkeit schenkt.

 

Wie zeigt sich die Ernsthaftigkteit von Veolias Mobilisierung angesichts der Covid-19-Virus-Epidemie,  einen Unternehmenszweck zu verfolgen, der die gesamte Unternehmensstrategie Impact 2023 erfasst?

A.F.: Diese Krise ist ein rücksichtsloser Lackmustest. Sie zeigt, wie das Unternehmen seine Aufgaben erfüllt, auch wenn es auf einem reduzierten Niveau arbeitet, wie es seine Bemühungen zwischen verschiedenen Stakeholdern aufteilt, wie es langfristige Ziele anpeilt trotz dringlichen kurzfristigen Erfordernissen. Es zeigt, wie in aller Aufrichtigkeit unser Ziel tief verwurzelt im Herz unseres Unternehmens ist, bis hin zur Gestaltung der internen Organisation. Unsere Kriseneinheiten wurden aktiviert, unsere Kontinuitätspläne ausgelöst, unsere Organisation wurde aktiviert und unsere Ressourcen mobilisiert, um das Wesentliche zu erfüllen: Die Bedürfnisse der Kommunen in Bezug auf Wasser, Energie und Abfallwirtschaft sowie die Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Tätigkeit unserer Industriekunden gemäß der von jedem Land ergriffenen Maßnahmen. Diese Gesundheitskrise darf das Wirtschaftsleben nicht töten. Im Gegenteil muss man es so weit wie möglich aufrechterhalten.

Sind Sie wirlich bereit, die Zivilgesellschaft und die Öffentlichkeit bei der Steuerung der Strategie eines Unternehmens und Entscheidungen miteinzubeziehen? Denken Sie nicht, dass dies ein Risiko für seine Entwicklung darstellt?

B.S.: Zivilgesellschaft und öffentliche Akteure üben bereits jetzt und in Zukunft Druck aus. Heutzutage können Unternehmen ihre Arbeit nicht mehr „einfach“ erledigen. Die Gesellschaft erwartet viel von ihnen etwa in Bereichen wie Beschäftigung, Karrieremanagement, Ausbildung, Arbeitsmöglichkeiten für Jugendliche und Reduzierung der sozialen Ungleichheit.

A.F.: Ein Unternehmen gedeiht, weil es nützlich ist, nicht anders herum. Mehr auf die Stimme der Gesellschaft zu hören lenkt nicht von der Mission ab oder lässt einen seinen Wettbewerbsvorteil verlieren; im Gegenteil, ein nützlicheres Unternehmen verhilft zu einer besseren Gesellschaft. Selbst Part der Gesellschaft sein und sich nicht einmischen im sozialen und gesellschaftlichen Bereich wäre das wahre Risiko für eine Entwicklung, man würde missverstanden und deshalb angefochten werden.

Welche Lehren ziehen Sie aus dieser Krise? Gibt es Auswirkungen auf die Strategie von Unternehmen, die bereits von den Regierungen als wesentlich identifiziert wurden? 

A.F.: Es können drei Lektionen gelernt werden. Erstens, die Epidemie zeigt die verheerende Kraft von Dominoeffekten: Eine lokale Gesundheitskrise breitete sich global, wirtschaftlich und sozial aus, ist aber weiterhin gesundheitsbezogen. Zweitens, die große und untypische Krise zeigte auf, dass wir uns die schlimmsten Szenarien und außergewöhnlichen Ereignisse nicht vorstellen konnten. Es versetzte uns in Raum und Zeit, nach anderen Regeln zu arbeiten. Und schließlich bestätigt diese Epidemie, dass „in Krisenzeiten die Vorstellungskraft wichtiger ist als Wissen“, wie Albert Einstein im letzten Jahrhundert feststellte. Und dank des kollektiven Erfindungsreichtums und der außergewöhnliche Mobilisierung konnte unsere Gruppe erfolgreich seiner Verantwortung in einem solch instabilen Zeitraum  übernehmen.

B.S. : Wir sehen Unternehmen an der Krisenfront, oft anstelle von Regierungen, die manchmal uneffektiv erscheinen. Sie besitzen agile Prozesse, reagieren schnell und demonstrieren ein Engagement, das von Führungskräften und Mitarbeitern gleichermaßen verkörpert wird. Die Krise, die wir erleben, könnte Unternehmen rehabilitieren und die Franzosen näher an sie heranführen, denn sie füllen die Lücke oder arbeiten Seite an Seite mit der Regierung. Eines ist klar: Es gibt keine einzige Lösung für die außergewöhnliche Krise, die wir durchmachen. Zahlreich Kooperationen zwischen öffentlich und privat, zwischen verschiedene Akteure könnten in der Zeit nach der Krise entstehen.

Diese Krise zeigt auch, wie unsere Volkswirtschaften verbunden sind. Werden wir trotzdem unsere Geschäftsmodelle gründlich überdenken? Welche Rolle könnten Unternehmen im Licht der Krisenerfahrung künftig einnehmen?

 

Bernard Sananès President der Marktforschungs- und Beratungsfirma Elabe

Welches Unternehmen hat durch seine Taten - nicht seine Kommunikation - gezeigt, dass das, was stolz im Unternehmenszweck proklamiert wurde, nicht nur leere Worte waren?

B.S.: Höchstwahrscheinlich wird die Krise die Globalisierung wieder ausgleichen, tendenziell mit einer Verlagerung der industriellen Aktivität sowie des Verbrauchs. Das Thema Masken ist eine der Lehren, die wir aus der Krise ziehen können: sicher geglaubte Aktivitäten werden nun strategisch überdacht, weil sie für den Alltag unverzichtbar sind. Im Allgemeinen zeigt jedes Unternehmen in der Krise sein wahres Gesicht, unabhängig von Größe oder Geschäft. Einige Unternehmen haben mehr Wirkung als andere. Aber für diejenigen, deren Mission weniger wichtig in der Krise scheint, gibt es andere Maßnahmen in Bezug auf das Engagement für Mitarbeiter und Solidarität. In der Zeit nach der Krise wird jeder politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Akteur nach seinen Taten gefragt werden. Apropos: Welches Unternehmen hat durch seine Taten - nicht seine Kommunikation - gezeigt, dass das, was stolz im Unternehmenszweck proklamiert wurde,  nicht nur leere Worte waren? Wer, in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit für alle, hat sich wie ein sozial verantwortliches Glied in einer großen Kette benommen,wie ein fairer Arbeitgeber, wie jemand, der seine Lieferanten schützt, der seine soziale Verantwortung erfüllt oder steigert? Ich sehe zwei Herausforderungen für Unternehmen. Zuerst, eine aktive Rolle nach dem Lockdown, insbesondere durch Gewährleistung optimaler Sicherheit für Mitarbeiter und Kunden. Zum zweiten spielen sie eine aktive Rolle bei der Mobilisierung der Gesellschaft in der kommenden Wiederaufbauzeit.

Der Lockdown hat neue Ungleichheiten aufgedeckt: die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten oder nicht, die Aussetzung von Gesundheitsrisiken oder sogar die Krisenbedingungen selbst. Denken Sie, dass diese Probleme nach der Krise anhalten werden?

B.S.: Krisen beschleunigen immer wieder Ungerechtigkeiten auf mehreren Ebenen. Im Allgemeinen haben wir das Gefühl, dass jeder auf gleiche Weise geschützt wurde, gesundheitlich oder wirtschaftlich. Aber es können zwei arbeitsbedingte Probleme auftreten. Zuerst, von zu Hause aus arbeiten. Es kann als eine neue Form der Ungleichheit erlebt werden: bei denen, die Zugang dazu haben, ist es eine Form der Emanzipation, aber bei jenen, die keinen Zugang dazu haben, ist es Form der Ungerechtigkeit. Das andere Problem ist das Risiko für Mitarbeiter. Es gibt Tätigkeitsbereiche, in denen einige Beschäftigte mehr Arbeitsunfällen ausgesetzt sind, aber täglich zur Arbeit zu gehen, ist für die Meisten kein Risiko. Am Ende des Lockdowns, bevor ein Impfstoff oder eine Behandlungsmethode gefunden wurde, besteht das Risiko, dass Mitarbeiter entweder Angst haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, oder Angst vor einem Gesundheitsrisiko. Wenn es um die Regionen geht: Fühlen sie sich alle, als wären sie gleich behandelt worden - bei der Bewältigung der Gesundheitskrise und der  wirtschaftlichen Erholung? Werden bestimmte, jetzt vernachlässigt wirkende Gegenden als gute Wohnorte wiederentdeckt, weil sie aufgrund ihrer geringen Bevölkerungsdichte geschützt waren?

Die Mitarbeiter von Veolia haben sich als unglaublich engagiert erwiesen, vor Ort auf der ganzen Welt während diese Krise. Bedeutet  es nicht ein außergewöhnliches Verantwortungsbewusstsein Ihrer Teams und die Verinnerlichung des Unternehmenszwecks?

A.F.: Wir sollten würdigen - und ich bin der Erste, der das tut - wie außergewöhnlich motiviert unsere Mitarbeiter in diese schwierigen Zeiten waren, um die Kontinuität unsere Aktivitäten aufrechtzuerhalten. Sie geben alles, denn unsere Dienstleistungen sind für den Alltag unverzichtbar und müssen erbracht werden, trotz der Desorganisation, die der Lockdown hie und da verursacht hat. Unsere Kunden,
Krankenhäuser, Behörden und Gemeinden zählen auf uns. Unsere Beschäftigten sind sich dessen sehr bewusst und bemühen sich, einer so großen Mission gerecht zu werden. Unser Unternehmenszweck ist für Veolia-Mitarbeiter selbstverständlich. Die Bereitstellung von essentiellen Services wie Wasser-, Energie- und Abfallentsorgung ist Teil ihrer täglichen Aufgaben. Sie sind mit dem Purpose direkt verbunden, also identifizieren sie sich leicht damit, wie auch immer die Umstände sind.

 

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