Trinkwasser dort, wo die städtische Infrastruktur endet

Am Rande der ecuadorianischen Hafenstadt und Wirtschaftsmetropole Guayaquil befindet sich das Elendsviertel Monte Sinaí, eine informelle Siedlung mit prekären Lebensbedingungen. Die Trinkwasserversorgung der Bewohner war aufgrund einer willkürlichen, umstrittenen Wasserverteilung, einer schlechten Wasserqualität und hohen, nicht regulierten Preisen extrem problematisch. Mit dem Projekt "Agua del Sinaí" bot Veolia mit einer effizienten Logistik und intelligenten Technologien eine Lösung für dieses Problem und gab den Menschen dort die Möglichkeit, ihr grundlegendes Menschenrecht auf den Zugang zu Trinkwasser wahrzunehmen.
The essential
HERAUSFORDERUNG
Die gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen einer schwachen Bevölkerungsschicht durch den gesicherten Zugang zu sauberem Trinkwasser verbessern.
Ziel
Die Verteilung von qualitativ hochwertigem Trinkwasser an 130 000 isolierte und benachteiligte Menschen zu einem festen und günstigen Preis garantieren.
VEOLIAS LÖSUNG
Eine digital organisierte Wasserversorgung, verbunden mit dem Bau einer Abfüllstation im Viertel.
Veröffentlicht Juli 2020

Monte Sinaí ist einer jener informellen Stadtteile, die man oft in Stadtrandgebieten der Entwicklungsländer findet. Ohne Unterlass strömen extrem arme Menschen aus ländlichen Gebieten herbei. Sie lassen sich ohne Besitzurkunden in Häusern aus Bambus nieder. Dieses Viertel wird in keiner Planung berücksichtigt, Basisdienstleistungen gibt es nicht. Die Wasserversorgung wird durch Tankwagen sichergestellt, die sich der Kontrolle der Stadt entziehen. Das verteilte Wasser ist von schlechter Qualität und stellt eine gesundheitliche Bedrohung für die Bevölkerung der gesamten Metropole dar, weil diese einem erhöhten Risiko von Krankheiten durch die Übertragung von Wasser ausgesetzt sind.

Die chaotische Wasserverteilung führt zu einer angespannten Atmosphäre.  Letztendlich können die Familien die abnorm hohen und sich ständig ändernden Preise kaum mehr zahlen. Diese kritische Situation führt zu wachsenden Spannungen und wird zu einem gesundheitlichen, sozialen und politischen Problem. Für die Veolia-Mitarbeiter stand es angesichts dieser Situation fest, dass eine Lösung für die Bewohner von Monte Sinaí gefunden werden musste, auch wenn der Bezirk außerhalb des Einzugsgebiets des mit Guayaquil unterzeichneten Konzessionsvertrags (Betrieb und Instandhaltung des Trinkwasser-, Abwasser- und Regenwassernetzes der Stadt) lag. „In Lateinamerika achten die Menschen darauf, was um sie herum geschieht, was für eine große Solidarität zwischen den sozialen Gruppen sorgt. Sie ist bei unseren Mitarbeitern in Guayaquil besonders stark ausgeprägt", erklärt Frédéric Certain, CEO von Veolia in Ecuador.

"Veolia kann sich nicht mit einer Dienstleistung zufriedengeben, die in der Stadt gut funktioniert, jedoch für Hunderttausende von Menschen am Stadtrand unzugänglich bleibt. Hier geht es um die eigene Daseinsberechtigung, man kann nur Akzeptanz finden, wenn man einen Nutzen bringt.“  

Intelligente Technologien für die Schwächsten

Die Wasserverteilung muss also so organisiert werden, dass die Qualität des Wassers, eine gesicherte Versorgung zum günstigen Preis und eine höhere Rentabilität für die Tankwagenfahrer gewährleistet ist. Das Programm "Agua del Sinaí" ("Wasser des Sinaí") ist das Ergebnis langer Beratungen zwischen Veolia, den Verantwortlichen der Bezirke von Monte Sinaí (überwiegend Frauen, die bei der Organisation der Bezirke mit großem Engagement freiwillig mithalfen und jeweils etwa 100 Familien vertreten) und institutionellen Partnern. Sie ist auch das Ergebnis zäher Verhandlungen mit den Transportunternehmen. Da alle Einwohner Smartphones besitzen, konnte an einer digital gesteuerten Wasserversorgung gearbeitet werden. Man setzte ein GPS-gelenktes, intelligentes Routenplanungssystem ein, um die Benutzer zu lokalisieren, die Verteilung zu organisieren und die Fahrtrouten der Transporteure zu optimieren und mitzuverfolgen.

Bericht von Luis Tavara, Leiter des Sozialprogramms der NGO "Hogar de Cristo“

"Ich leite "Hogar de Cristo“, das im Viertel Monte Sinaí gleichzeitig mit dem Projekt "Agua del Sinaí" ins Leben gerufen wurde, und stehe in ständigem Kontakt mit den Menschen des Viertels. Der Erfolg von "Agua del Sinaí" beruht auf Vertrauen und dem Engagement der Bevölkerung. Nachdem die groben Linien des Projekts festgelegt worden waren, hatte sich Frédéric Certain an "Hogar de Cristo" gewandt, um die Einwohner zu treffen. Es wurden Zusammenkünfte in ihren Häusern mit dem Ziel organisiert, das Programm gemeinsam zu gestalten. Indem sich Veolia direkt und offen an die Bevölkerung eines als gefährlich geltenden Viertels wandte, konnte ein Klima des Vertrauens geschaffen werden. Für die mehrheitlich sehr religiöse, meist christliche Bevölkerung hatte dieser Ansatz auch eine spirituelle Dimension. Nachdem die Bewohner begriffen, dass ein Anschluss an das städtische Versorgungsnetz nicht vor 2025 möglich war, sprachen sich die meisten für die alternative Verteilung des Wassers durch Tankwagen aus. Ein Hektar des für die Abfüllstation erworbenen Grundstücks war für die Kommunalentwicklung bestimmt. Noch jetzt werden dort von Veolia-Mitarbeitern Schulungen für die Einwohner veranstaltet, insbesondere zu den Themen Klempnerei, urbane Landwirtschaft, Mikrokredite usw. Jeder Einwohner achtet darauf, dass die Wasserversorgung reibungslos funktioniert. Abgesehen von einer Verbesserung der Wasserversorgung hat das Projekt "Agua del Sinaí" durch seinen partizipativen Aspekt auch zu einem Phänomen des "Empowerment“ und des sozialen Zusammenhalts geführt. Das Interesse von Veolia an Menschen, die lange Zeit von allen ignoriert wurden, widerspricht dem Bild, das man gemeinhin von einem multinationalen Unternehmen hat."

Den Fahrern steht auf ihrem Smartphone eine spezielle App zur Verfügung, die ihnen die Route anzeigt und die Speicherung der Benutzerinformationen und gelieferten Mengen ermöglicht. Die Abläufe werden von Veolia über ein Fernüberwachungs- und Managementsystem gesteuert.  Jeder Tankwagen hat eine eigene Kennnummer, die ihm von der Stadtverwaltung zugeteilt wird. Die Fahrer tragen jetzt Uniformen - was sie mit gewissem Stolz erfüllt - und bekleiden somit eine offizielle Rolle. Auf den Fahrzeugen mit "Agua del Sinaí"-Logo stehen der aktuelle Preis und eine Telefonnummer für Beschwerden und Bestellungen. Die von Veolia in dem Viertel gebaute Abfüllstation ist über eine Leitung an die städtische Infrastruktur angeschlossen. Zusätzlich wurde ein Büro eingerichtet. An der Abfüllstation wird die Wasserqualität durch stichprobenartige Entnahmen für eine bakteriologische Analyse kontrolliert. Die Station hat bereits wesentliche Verbesserungen ermöglicht: zum einen eine Garantie für die Herkunft des verteilten Wassers und zum anderen eine Verringerung der Fahrzeiten der Transporteure. Vorher war die nächstgelegene Abfüllstation acht Kilometer entfernt. „Die von Veolia angebotenen Dienstleistungen können nicht ausgebaut werden, wenn wir nicht verstehen, was in den schwächsten Gemeinschaften geschieht", erklärt Frédéric Certain. Wir haben viel am sozialen Zusammenhalt gearbeitet. Das ist ein Plus und rechtfertigt unsere Präsenz in Lateinamerika.“  

Positive Auswirkungen für jeden

Inzwischen fährt mindestens viermal täglich ein Tankwagen vor jedem Haus vorbei, bei Bedarf sogar bis zu achtmal, und gibt in friedlicher Atmosphäre Trinkwasser zu einem festen, erschwinglichen Preis aus. Von diesem kostengünstigen System profitieren in erster Linie die Nutzer. Sie haben jetzt einen gesicherten, reglementierten Zugang zu qualitativ hochwertigem Trinkwasser, was sich positiv auf ihre Gesundheit und ihre Kaufkraft auswirkt. Aber auch für die Tankwagenfahrer ist das System von Vorteil, denn sie arbeiten rentabler und unter besseren Bedingungen. Nicht zuletzt profitiert auch die Kommune davon, denn die Gefahr einer gesundheitlichen und sozialen Krise ist abgewendet.  „Veolia ist glücklich und stolz, geholfen zu haben", sagt Frédéric Certain. Für unsere südamerikanischen Mitarbeiter war es extrem wichtig, dass sie ihre Mitbürger unterstützen konnten. Die Nutzer hier sind uns unendlich dankbar dafür.“ 

"Agua del Sinaí“ beweist, dass die Verteilung von sauberem Trinkwasser auch ohne Anschluss an die städtische Infrastruktur möglich ist. Was in Guayaquil geleistet wurde, kann auch auf andere prekäre Stadtviertel mit dem gleichen Problem angewendet werden, zum Beispiel auf Siedlungsausdehnungen in Lateinamerika, Afrika oder Indien. 

"Die Maßnahme ist sowohl technisch als auch finanziell machbar. Der Schlüssel zum Erfolg dieses Programms liegt im Willen und Mut der Veolia-Teams, die, wie in diesem Fall, eine Lösung für die schwächsten Bevölkerungsgruppen der Stadt finden wollten. Diese Art von Maßnahme verleiht Veolia eine neue Legitimität, um in armen Regionen zu intervenieren", so Frédéric Certain. 

Bilanz nach einem Jahr: Wasser für alle

Seit April 2019 werden die 130 000 in extremer Armut lebenden Menschen, darunter 100 000 Kinder,  in der informellen Siedlung Monte Sinai, 15 km von Guayaquil über das Programm "Agua del Sinaí" mit sauberem Trinkwasser versorgt. Die Bevölkerungszahl nimmt jährlich um 10 000 bis 20 000 Einwohner zu. Die im Viertel gebaute Wasserversorgungsstation verfügt über 8 Pumpen, die 26 Tankwagen täglich mit 2 500 m3 Trinkwasser befüllen.  Vor Ort stellt ein effizientes bakteriologisches Analysesystem mit regelmäßigen Kontrollen die Sauberkeit des Wassers sicher.

  • Die digital organisierte Verteilung des Wassers durch eine intelligente, GPS-gesteuerte Routenplanung und eine spezielle App für die Smartphones der Transporteure ermöglicht eine bedarfsgerechte Anpassung der Lieferungen in Echtzeit.
  • Die Tankwagenfahrer machen 7 bis 8 Touren pro Tag im Gegensatz zu maximal 4 früher und fahren mindestens 3 bis 4 Mal pro Tag vor jedem Haus vorbei: Sie konnten durch dieses System auch ihre Umsätze steigern.
  • Ein automatisches Kontroll- und Meldesystem für die Tankwagen und ihre Fahrer sowie ein garantierter Festpreis konnten die Spannungen zwischen Käufern und Fahrern beseitigen.
  • Der 0,21-m3-Tank wird zum Einheitstarif von 0,75 US-Dollar angeboten  und liegt somit 25 % unter dem bisherigen Mindestpreis (der in der Regenzeit zwischen 1 und 3 US-Dollar lag).
  • Veolia steuerte 450.000 US-Dollar zum Bau der Befüllungsstation und zur Unterstützung der Maßnahmen bei. Heute benötigt das Projekt keine Finanzierung mehr. Die 540.000 Haushalte in Guayaquil, die über Wasserzähler verfügen, leisten einen monatlichen Beitrag von 0,10 Dollar an einen Fonds für die Erneuerung der Fahrzeuge der Transporteure.
1. "Hogar de Cristo“ ist im Viertel in folgenden Bereichen tätig: sozialer Wohnungsbau (Pioniere im Bauwesen), Solidarökonomie, Schutz von Frauen, Kommunalentwicklung, Bildung, Gesundheit und Ernährungssicherheit.
2. Ein Begriff, der sich in sozialen Bewegungen (wie z.B. der Frauenrechtsbewegung) herausgebildet hat, um den Widerstand gegen eine aufgezwungene Form hierarchischer Autorität zu charakterisieren und zur sozialen, wirtschaftlichen und politischen Emanzipation einer Gemeinschaft aufzurufen, damit diese aus eigener Kraft autonom handeln kann.
 

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