Last oder Chance?

Klimaschutz: Last/Chance

Mit dem Green Deal hat die EU eine Wachstumsstrategie für Europa skizziert und will den Übergang zu einer modernen, ressourceneffizienten und wettbewerbsfähigen Wirtschaft gestalten. Auch die Unternehmen sind gefragt: Von ihnen fordert die EU eine aktivere Rolle beim Klimaschutz. Veolutions im Gespräch mit Dr. Katharina Reuter, Geschäftsführerin von Unternehmensgrün e. V.

Wir leben in besonderen Zeiten: Mit der Coronakrise erlebt die Wirtschaft derzeit eine starke Belastung. Wie passen da aus Ihrer Sicht zusätzliche Anstrengungen in Bezug auf den Klimaschutz hinein?

Dr. Katharina Reuter: Klimaschutz und Corona lassen sich nicht gegeneinander aufrechnen – denn auch ökonomisch macht Klimaschutz Sinn. Es kommt darauf an, dass wir die Konjunkturprogramme so klug ausgestalten, dass sie die notwendige Transformation der Wirtschaft voranbringen (Stichwort Dekarbonisierung). Die Recovery-Phase nach der Nothilfephase muss zwingend mit den Zielen des europäischen Green Deal verknüpft werden, damit es nicht zu Fehlinvestitionen bzw. Stranded Assets kommt – und natürlich, damit wir die Pariser Klimaziele einhalten. Der europäische Green Deal hat die Chance, sich durch die Coronakrise als Kern eines neuen gemeinsamen Wertegerüsts zu beweisen, als gemeinsame Antwort auf soziale und ökologische Herausforderungen. Wir als Wirtschaftsverband sehen im Green Deal vor allem auch einen „Booster“ für die Entwicklung von Cleantech-Leitmärkten für klimaneutrale und kreislauforientierte Produkte.

Dr. Katharina Reuter

 

 

Dr. Katharina Reuter

Sie engagiert sich seit mehr als zwanzig Jahren für die nachhaltige Wirtschaft – zunächst in Lehre und Forschung, dann im Stiftungs- bzw. Verbandsbereich.  Reuter ist u. a. Mitbegründerin der European Sustainable Business Federation (Ecopreneur.eu), der Regionalwert AG Berlin-Brandenburg und von „Entrepreneurs For Future“. Seit 2014 führt sie die Geschäfte des ökologisch orientierten Unternehmensverbands UnternehmensGrün e. V. 

Wie können Unternehmen in Deutschland den neuen Fahrplan unterstützen?

Dr. Katharina Reuter: Das Engagement der Unternehmen ist in den zehn Aktionsfeldern des Green Deal unterschiedlich. Für alle aber gilt: Sich als Unternehmen trotz der Coronakrise zu den Pariser Klimaschutzzielen und damit auch steigenden CO2-Preisen zu bekennen – das gibt den politischen Entscheidungsträgern die nötige Rückendeckung für den neuen Fahrplan.

Welche konkreten Maßnahmen müssen bereits heute begonnen werden?

Dr. Katharina Reuter: Bei uns im Verband sind viele der konkreten Maßnahmen, die mir hier einfallen, in den Unternehmen bereits gang und gäbe: eigene Versorgung mit erneuerbaren Energien, Umstellung des Fuhrparks auf Jobräder und Elektromobilität, Entwicklung von Produkten nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip oder die Verwendung von ökologisch produzierten Rohstoffen in der Lebensmittelherstellung. Veolia ist ja auch ein wichtiger Player beim Thema Kreislaufwirtschaft. Bereits heute kann auch die öffentliche Hand – mit ihrem riesigen Nachfragepotenzial – etwas tun: eine verpflichtende grüne Beschaffung einführen und damit eine Vorreiterrolle bei der Schaffung einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft einnehmen, ein so genanntes „green public procurement“.

Wo sehen Sie Schwierigkeiten in der Umsetzung, wo könnten Chancen besser genutzt werden?

Dr. Katharina Reuter: Die von der EU vorgestellte Industriestrategie im Rahmen des Green Deal muss die Chancen zum Umbau der Industrie noch besser nutzen. Wenn es um die CO2-Grenzsteuer oder die Allianz für grünen Wasserstoff geht, muss die Industriestrategie noch konkreter werden. Wir brauchen Industrie-Allianzen beim Thema Batterien, für Offshore-Windanlagen oder Energieeffizienz im Gebäudesektor.

Welche gesetzlichen Rahmenbedingungen oder Voraussetzungen sind erforderlich?

Dr. Katharina Reuter: Der Green Deal wird mit eigenen gesetzlichen Rahmenbedingungen umgesetzt. Was wir jetzt in Deutschland brauchen, ist eine Verbindung von Konjunktur- mit Klimapaketen. Ökonomen wie Prof. Kemfert fordern, dass staatliche Fördermittel beispielsweise daran gekoppelt sein sollten, dass Unternehmen von der Nutzung fossiler Energiequellen auf klimaschonende Technologien umsteigen.

Auch andere Sektoren sind gefragt: Wie könnten aus Ihrer Sicht Kommunen die Ziele unterstützen?

Dr. Katharina Reuter: Die Kommunen haben viele Themen, die ganz eng mit dem Green Deal zusammenhängen: Wasser und Abwasser, Abfallentsorgung und Energie. Beim Hausmüll kommt es darauf an, die Mengen zu reduzieren – hier bietet die Nutzung von Biomüll als Energiequelle große Potenziale. Die Kommunen müssen die Energiewende vor Ort stemmen und ihre eigene Infrastruktur klimaneutral machen.

Was raten Sie Unternehmen, um fit für die Zukunft zu sein?

Dr. Katharina Reuter: Die Coronakrise zeigt uns, wie wichtig Resilienz ist, also Widerstandsfähigkeit. Die Krise zeigt, dass Subsistenz wieder mehr Beachtung verdient. Regionale Wertschöpfungsketten. Nachhaltigkeit bleibt einer der wichtigsten Megatrends des aktuellen Jahrzehnts. Um fit für die Zukunft zu sein, sollten die Unternehmerinnen und Unternehmer ihren eigenen Wertekompass für den Wandel aufstellen. Bei uns im Verband heißt das #WERTschaften. Dann gelingt es, im besten Sinne von „Unternehmertum“ (Entrepreneurship), gemeinsam die Daseinsvorsorge unserer Gesellschaft zu sichern und eine Wirtschaft zu etablieren, die zukunftsfähig ist.

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Klimaschutz Resiliente Stadt