Wegweiser Klimawandel

Ist der Kampf um das Klima aussichtslos?

Michał Kurtyka und Antoine Frérot - eine Begegnung.

Der Weltklimagipfel COP24 ging am 14. Dezember 2018 im polnischen Kattowitz  zuende. Vom Kampf gegen den Klimawandel sind alle Akteure betroffen:  Zivilgesellschaft, Politik und Unternehmen. Wenngleich alle unterschiedliche Interessen haben, die manchmal schwer vereinbar sind: Welche Rolle spielen sie angesichts der Klimaproblematik ? Michał Kurtyka, Vorsitzender des Weltklimagipfels COP24 und Staatssekretär im polnischen Ministerium für Energie und Umwelt, und Antoine Frérot, CEO von Veolia, stellen sich dieser Frage.
 

Welche Bilanz der Konferenz ziehen Sie in Ihrer Eigenschaft als Vorsitzender des Weltklimagipfels COP24 in Kattowitz?
 

Antoine Frérot, CEO von Veolia

Antoine Frérot

„Wir haben durchaus Lösungen. Uns fehlen jedoch der politische Wille und die wirtschaftlichen Anreize, die Mehrheit der Akteure dazu zu motivieren, sie auf breiter Ebene anzuwenden.“

Michał Kurtyka: Die Verhandlungen waren extrem komplex, zum einen sehr technisch und zum andern sehr politisch. Von diesem Aspekt her war der Klimagipfel in Kattowitz meiner Meinung nach ein Erfolg. Wir haben die Regeln für eine globale Klimapolitik festgelegt und konnten einen gemeinsamen Konsens finden. Diese Regeln werden 2021 weltweit in Kraft treten und das Abkommen von Kyoto ersetzen. Die globale Rahmenvereinbarung wird alle fünf Jahre überarbeitet. Nach Inkrafttreten der Regeln sind die Staaten bei der Ergreifung von Klimamaßnahmen zu größter Transparenz verpflichtet. Sowohl die Entwicklungsländer als auch die Industrieländer werden Vorteile davon haben. Wir werden uns gegenseitig dazu anhalten, unsere Versprechen einzulösen und den Entwicklungsländern finanzielle Unterstützung, den Transfer von Technologien und administrative Kapazitäten zusichern.

Es gibt eine Reihe von Anzeichen, die auf eine Verschlimmerung der Klimakrise hinweisen. Andererseits glauben einige Experten, wie z.B. die des IPCC, dass die Klimabedingungen noch verbessert werden können. Sind die Menschen Ihrer Meinung nach in der Lage, den Kampf um das Klima zu gewinnen?

Antoine Frérot: Manchmal ist der Einsatz so hoch, dass man einfach kämpfen muss, selbst wenn die Chancen auf Erfolg gering scheinen mögen. Der  Kampf um die Begrenzung des Klimawandels und folglich um die Bewohnbarkeit unseres Planeten gehört selbstverständlich dazu.Trotz dieser scheinbar nicht zu bewältigenden Aufgabe ist es möglich, die Wirtschaft innerhalb der noch verbleibenden Zeit kohlenstofffreier zu gestalten. Dafür muss man jedoch akzeptieren, dass man mehr tun muss - ob gemeinsam oder allein. Das gilt für alle, d.h. für die Staaten, die die Energiepolitik festlegen, die Städte, die 75% der CO2 -Emissionen des Planeten freisetzen, aber auch kohlenstoffarme Lebensweisen vorgeben, die Unternehmen, die zwar Ressourcen verbrauchen, aber auch kohlenstoffarme Lösungen erfinden, die Organisationen, die bei der praktischen Umsetzung der Vorhaben starke Präsenz zeigen, die Einwohner unseres Planeten, die sich tagtäglich Dutzende von Malen bei persönlichen Entscheidungen für oder gegen das Klima aussprechen.

M. K.: Mit dem Weltklimagipfel COP24 haben wir einstimmig das Kattowitz-Buch verabschiedet, ein Regelwerk, in dem die globale Klimapolitik der kommenden Jahre festgelegt ist. Das ist für mich Grund genug, optimistisch zu sein, denn trotz der aktuellen Handelsstreitigkeiten zwischen den Staaten sind wir in der Lage, die Klimafrage über den politischen Rahmen hinaus zu behandeln. Manchmal ist es auch eine Art Bequemlichkeit, pessimistisch zu sein und zu sagen „Wir können ja doch nichts tun". Das kann nicht die Lösung sein. Ich glaube, dass die Menschheit die Zeit, die Intelligenz und die Mittel hat, sich der Herausforderung des Klimawandels zu stellen. Werden wir in der Lage sein, diese Chance zu ergreifen? Das wird nicht nur von den Behörden abhängen, sondern auch von den Unternehmen, Städten und Regionen, die uns vielfach ihren guten Willen signalisieren.

In seinem ersten Bericht empfiehlt der IPCC, bis 2030 das vom Menschen verursachte CO2 im Vergleich zu 2010 um ca. 45 % zu senken. Welche Rolle könnten Unternehmen bei der Umsetzung dieses Ziels spielen? Mit welchen Lösungen kann Veolia einen Beitrag leisten?
 

MICHAŁ KURTYKA, polnischer Staatssekretär für Umwelt, Präsident der COP24

Michal Kurtyka

"Ich denke, dass die Menschheit die Zeit, Intelligenz und Ressourcen hat, um die Klima-Herausforderung zu meistern. Im Interesse des Planeten muss jedes Land die entscheidenden Maßnahmen wahrnehmen, die nicht nur zum Wohl seiner Bürger beitragen, sondern auch über Grenzen hinweg."

A. F.: Die Unternehmen spielen eine entscheidende Rolle, weil sie innovieren und kohlenstoffarme Güter und Dienstleistungen anbieten können. Dies hat einen wirksamen Dominoeffekt für die Lieferanten, deren Kunden und die Verbraucher. So waren es beispielsweise die Unternehmen, die die Kosten für die Speicherung von Elektrizität gesenkt und somit eine wesentliche Voraussetzung für die Energiewende geschaffen haben. Auch Veolia leistet seinen Beitrag, indem das Unternehmen Verfahren zum Recycling verbrauchter Batterien entwickelt, wodurch seltene Ressourcen eingespart und die Kosten gesenkt werden können.

 

M. K.: Ich glaube, man kann einiges von den Unternehmen verlangen. Man darf es nur nicht übertreiben. Man erwartet von ihnen, dass sie innovieren, neue Wirtschaftsmodelle vorschlagen, forschen und verantwortungsbewusst handeln… Doch man kann sie nicht für alles verantwortlich machen. Sie filtern aus den vielen Möglichkeiten die richtigen Ideen für unsere Umwelt heraus, doch diese sind anfangs nicht unbedingt rentabel. Die Behörden müssen Innovationen durch eine Gesetzgebung fördern, die innovativen Unternehmen dabei hilft, sich weiterzuentwickeln.
 

A. F. : Unternehmen wie Veolia bieten bereits vielfältige und komplementäre Lösungen an, wie z.B. Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Kreislaufwirtschaft, bei der Abfälle in Ressourcen umgewandelt und die Kohlenstoffemissionen drastisch reduziert werden, die Erfassung von Methan, das in der Atmosphäre ein Schadstoff ist, jedoch in Wärme umgewandelt zu grüner Energie wird. Die generelle Einführung solcher Lösungen wäre von großem Nutzen. Man nehme zum Beispiel den Fall der Wiedergewinnung von Abwärme. In Europa wird nur 1 % der Abwärme in der Industrie und in den Städten recycelt; 99 % gehen verloren! An Lösungen mangelt es nicht. Doch damit die Akteure in großem Umfang einsteigen, bedarf es politischen Willens und wirtschaftlicher Anreize.

Kohle ist die Grundlage zahlreicher Weltwirtschaften. Mit welchen Lösungen kann man einen Übergang zu umweltfreundlicheren Energien ermöglichen? 

M. K.: Ein Allheilmittel für eine weltweite Energielösung gibt es nicht. Doch wenn wir noch nicht einmal danach suchen, werden wir alles verlieren. Fossile Energien setzen Treibhausgase frei, Kohle verschmutzt ungemein. Jedes Land muss also selbst Ersatzlösungen für fossile Energien finden. In Polen beispielsweise denkt man in der Regierung über eine Energiestrategie bis 2040 nach. In dieser Strategie setzt man vor allem auf emissionsfreie  Energiequellen, wie z.B.  Photovoltaik, Windkraft oder Kernkraft. In dem aktuell debattierten Projekt wird ein sehr starkes Wachstum des Photovoltaikbereichs von 10 000 MW im Jahr 2030 auf 20 000 MW im Jahr 2040 vorgesehen.

A. F.: Veolia trägt aktiv zum Übergang zu erneuerbaren Energieträgern bei. So hat die Gruppe Maßnahmen ergriffen, um ihre kohlebetriebenen Energieerzeugungsanlagen in Mitteleuropa oder in China auf alternative  Brennstoffe umzustellen. In Karviná in Tschechien wird Kohle bald durch wesentlich kohlenstoffärmere Sekundärbrennstoffe und Gas ersetzt. Gleichzeitig haben wir intern einen Tonnenpreis für Kohlenstoff festgelegt, der bei Entscheidungen über unsere Investitionen herangezogen wird.
 

Nach wie vor stellt sich die Frage, wie der energetische und ökologische Wandel finanziert wird. Welche Maßnahmen müssen Ihrer Meinung nach vorrangig getroffen werden?

A. F.: Das Haupthindernis für einen Wandel sind die bisher fehlenden konkreten Anreize. Will man in der gesamten Kette der Wirtschaftsakteure energieeffiziente Lösungen einführen, muss man einen Kohlenstoffpreis  festlegen. Einen stabilen Preis mit voraussehbarer Entwicklung, der so hoch  ist, dass es günstiger ist, kohlenstofffrei als mit CO2 -Ausstoß zu arbeiten. Was die Abfälle und das Abwasser angeht, wenden die Staaten das Verursacherprinzip oder strenge Ableitungsgrenzwerte an. Seltsamerweise  findet dieses Prinzip bei Treibhausgasen weniger Anwendung. Derzeit werden nur 10 % der CO2 -Emissionen mit einem Preis besteuert, der so  hoch ist, dass sich die Erderwärmung auf 2° beschränken könnte. Mit schwachen Regulierungsmechanismen kann man keine starke Klimapolitik betreiben.

M. K.: Wir mobilisieren bereits Verwalter von großen Fonds, damit sie ihre strategischen Entscheidungen auf verantwortungsvolle Investitionen ausrichten, und das ist sehr gut. Doch auch die Finanzierung von Kleinunternehmen, das Crowdfunding, ist anzuregen. Und hier sind alle gefragt. Schließlich gibt es dann noch die europäischen Fonds. Die  europäische Kommission hat vor kurzem angekündigt, dass 25 % ihrer Mittel  im haushaltspolitischen Kurs demnächst für die Klimapolitik bestimmt sind. Die COP24 in Kattowitz und die Klimakonferenz in Paris zeigten jedoch eines: Nichts ist möglich, wenn nicht vorher ein Dialog mit den Bürgern stattfindet, denn hinter der globalen Klima-, Energie-und Ernährungspolitik stehen Gesellschaften, die eigene Entscheidungen treffen.

Auf der COP24 in  Kattowitz lag der Fokus auf dem Thema des „gerechten Übergangs“. Worum geht es hier genau?

M. K.: Gerechter Übergang bedeutet, dass Dialoge stattfinden müssen, gegenseitiger Respekt herrschen muss und Entscheidungen von allen akzeptiert werden müssen. Wohin tendieren wir? Die Politik spiegelt in diesem Fall lediglich den sozialen Konsens wider. Im Interesse unseres Planeten muss jedes Land die Elemente finden, die zum Wohl seiner Bürger, aber auch zum Wohl aller anderen Menschen jenseits der Grenzen beitragen.

A. F.: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Ein Übergang kann nur akzeptiert werden, wenn er gerecht ist und als solcher wahrgenommen wird. Die  Energiewende kann nicht gelingen, wenn wir den sozialen Aspekt vernachlässigen! Das Lösen der Klimaproblematik ist eine Frage der Gerechtigkeit, zunächst der Gerechtigkeit gegenüber den armen Ländern, die am stärksten von den Klimaveränderungen betroffen sind, obwohl sie dafür am wenigsten Verantwortung tragen. In den Entwicklungsländern muss die Umschulung der Arbeiter im Sektor der Kohle, der umweltschädlichsten  fossilen Energie, organisiert werden. In Polen sind es über 100 000 und in  den USA über 70 000. Die meisten dieser Stellen werden auf Dauer verschwinden. Sie müssen durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze in den Bereichen der sauberen Energie ersetzt werden: 2030 werden 40 Millionen  Menschen im Sektor der erneuerbaren Energien arbeiten, d.h. vier Mal so viel wie heute. Ich glaube, dass die Menschheit die Zeit, die Intelligenz und die Mittel hat, um sich der Herausforderung des Klimawandels zu stellen. 

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Klimaschutz