Energiewende Kemfert

Ein Plädoyer für die Energiewende

Nachgefragt bei PROF. DR. CLAUDIA KEMFERT, DEUTSCHES INSTITUT FÜR WIRTSCHAFTSFORSCHUNG E.V.

Prof.Dr. Claudia Kemfert

DER KLIMAWANDEL PER SE IST UNGERECHT

Seine größten Verursacher sind die reichsten Profiteure der fossilen Energien, und sie haben am wenigsten mit seinen Folgen zu kämpfen. Die größten Klimaschäden treffen jene, deren Treibhausgasemissionen am allerniedrigsten sind.

Hinzu kommt, dass die Emissionen dort zu Buche schlagen, wo produziert wird,nicht dort, wo konsumiert und verbraucht wird. Die Ärmsten der Welt müssen die Folgen eines Energieverbrauchs tragen, den die wohlhabenden Industrieländer zu verantworten haben und nicht zu ändern bereit sind. 

Wenn Deutschland nicht nur Klimaziele formuliert, sondern auch tatkräftig und entschlossen konkrete Maßnahmen ergreift, um diese Ziele zu erreichen – dann kann das im Weltmaßstab kleine Land in seiner Vorbildfunktion große Wirkung haben. Nicht zuletzt als Friedensstifter. Denn die meisten aktuellen Kriege sind schon heute Konflikte um mangelnde Ressourcen – Energie ist eine der wichtigsten Ressourcen für die Wirtschaft aller Staaten. Wer hier innovative Ideen und zukunftsweisende Impulse liefert, kann somanchen Konflikt aus der Welt schaffen.

Wer sich nicht um Ölquellen streiten muss, weil Solarzellen auf den Häuserdächern die regionale Wirtschaft beflügeln, findet vielleicht auch friedliche Wege für ein fruchtbares soziales  miteinander.Erneuerbare Energien sind nicht nur Motor für den wirtschaftlichen Aufschwung anderer Länder, sondern auch eine wertvolle Antriebskraft für die deutsche Wirtschaft. Das Land der Erfinder und Ingenieure könnte auf diese Weise Energie und Frieden in der Welt verbreiten.

DIE ENERGIEWENDE IST UNAUSWEICHLICH.

Das Ende des fossilen Zeitalters und die Dekarbonisierung der Wirtschaft sind nicht mehr aufzuhalten. Die Kosten für die erneuerbaren Energien werden weiter sinken, die wirtschaftlichen Chancen sind enorm. Die Zukunft gehört den erneuerbaren Energien. Erneuerbare Energien sind inzwischen so kostengünstig geworden, dass es auch Kleinbauern möglich ist, sich Solarzellen aufs Hüttendach zu schrauben und zum ersten Mal in ihrem Leben Strom zu haben.

Ob in den USA oder in Afrika, Indien,China oder Deutschland: Die erneuerbaren Energien und der Klimaschutz sorgen überall auf der Welt für Bildung und Wohlstand. Die Energiewende entschärft geopolitische Konflikte, verhindert Kriege um Ressourcen und ermöglicht medizinische Versorgung. Die Energiewende bietet Menschen, die sonst mangels Perspektive aus ihrer Heimat flüchten müssten, eine Zukunft und eine Existenzgrundlage. Die Energiewende sorgt dafür, dass Strom bezahlbar wird, Kinder einen Schulabschluss und Frauen eine Ausbildung machen können. Kurz: Die Energiewende ist die wichtigste Antwort auf die in aller Welt schwelenden Konflikte, den Terror, die Angst und die Armut.

Wir werden weitere Finanzkrisen, Konflikte und Kriege in der Welt erleben, wir werden erschüttert sein und unsere Timelines und Tagesordnungen werden darum kreisen. Wir werden so lange davon vereinnahmt sein, bis die Krise überstanden und der Krieg zu Ende ist. Die Energiekrise hingegen und der Klimawandel werden kein Ende finden, sie werden uns immer beschäftigen – die Frage ist, in welchem Ausmaß sie unser aller Lebensumgebung beeinflussen werden und wie wieviel Menschen ihre Heimat verlassen müssen, weil ihr Lebensraum durch die globale Erwärmung unwiederbringlich zerstört ist.

In die Energiewende zu investieren heißt auch, in globale Gerechtigkeit investieren. Die Energiewende ist ein Friedensprojekt, für alle Menschen auf der Welt.

Zur Person: CLAUDIA KEMFERT

Leiterin der Abteilung "Energie, Verkehr und Umwelt" am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance. Seit 2016 ist sie Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau Reaktorsicherheit berufen. Ihr neuestes Buch "Das fossile Imperium schlägt zurück - Warum wir die Energiewendeverteidigen müssen" erschien im April 2017. (Foto: Daniel Morsey)

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