Bodensanierung

Bodensanierung - um Hunger und Klimawandel zu bekämpfen

Vor dem Hintergrund der globalen Erwärmung, des starken demografischen Wachstums und der Verringerung und Verarmung der Ackerflächen muss sich die Menschheit zwei Problemen stellen: dem Ernährungs- und dem Wohnproblem. Das erfordert die Sanierung der Böden mithilfe nachhaltiger Anbaupraktiken, damit sie genug Erträge erzielen, und zum anderen eine bessere Stadtplanung, um die Städte zu verdichten und gleichzeitig ihr Potenzial für urbane Landwirtschaft zu nutzen.

Eduardo Mansur, Direktor des Bereichs Land und Wasser, Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN

Eduardo Mansur

„Der durch die Verstädterung verursachte Flächenverbrauch ist eine der größten Bedrohungen für die Böden. Dieses Phänomen findet man sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern.“

Welche Lösungen könnten schnell und nachhaltig zur Bodenverbesserung und somit zur Ernährung der bis 2050 erwarteten 10 Milliarden Menschen beitragen?
 

Eduardo Mansur: Wegen nicht nachhaltiger Anbautechniken wurden die Böden weltweit verbraucht und ihre Ertragsfähigkeit verringert. Viele von ihnen sind zu Ödland geworden. Sie könnten jedoch saniert werden unter der Bedingung, dass massiv investiert wird! Das schlagen wir auch in unseren Bericht über eine nachhaltige Bodenbewirtschaftung vor. Dieser 2017 im Rahmen der Globalen Bodenpartnerschaft verabschiedete Bericht enthält zehn Leitlinien wie Begrenzung von Erosion, Versalzung, Alkalisierung und Bodenverunreinigung sowie die Verbesserung des Wassermanagements im Boden. Sie dienen als Referenz und enthalten für eine Vielzahl engagierter Akteure allgemeine fachliche und politische Empfehlungen. Das gilt natürlich vor allem für die Böden, die derzeit mit intensiven und nicht nachhaltigen Anbautechniken bewirtschaftet werden.

Antoine Frérot: Wie alle natürlichen Ressourcen ist auch der Boden eine knappe Ressource: Seine Verarmung hat zahlreiche Ursachen. Der Bodenschwund ist in der Hauptsache der Verstädterung sowie dem Anstieg des Meeresspiegels zu verdanken. In 40 Jahren sind 30 Prozent des weltweiten Ackerlands verschwunden. Die Lösung des Übels: die Böden verbessern, um ihre Fruchtbarkeit aufrechtzuerhalten, die Ausdehnung der Städte durch eine Verdichtung der Gebäude begrenzen, die urbane Landwirtschaft ausbauen und somit Räume nutzen, die künstlich in Landwirtschaftsflächen umgewandelt werden, Anbaumethoden anwenden, die den Boden schützen und gleichzeitig seine Ertragsfähigkeit steigern, z.B. mit Hilfe der Permakultur.

Neben der Verarmung der Böden wird kultivierbares Land durch die Ausdehnung der Städte und Infrastrukturen, die wiederum eine Folge einer zunehmenden Weltbevölkerungsdichte ist, immer knapper. Was kann man dagegen tun?

E. M.: Der durch die Verstädterung verursachte Flächenverbrauch ist eine der größten Bedrohungen für die Böden. Dieses Phänomen findet man sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern. In den meisten Fällen wird bei der Bebauung fruchtbaren Bodens durch Wohnungen oder Industrieinfrastrukturen nicht darauf geachtet, welchen Wert er für die Landwirtschaft hat. Ist ein Boden erst mal mit Asphalt oder Beton bedeckt, wird es schwierig, ihn in seinen natürlichen Zustand zurück zu versetzen. Genau um dieses Problem zu vermeiden, sind Bodennutzungspläne extrem wichtig. Zahlreiche Länder haben solche Pläne, doch die Umsetzung scheitert aus ganz unterschiedlichen Gründen. Das beginnt bei dem Mangel an politischem Willen und an Instrumenten zur Beachtung der Empfehlungen zur Bodennutzung und Bewirtschaftung. Dennoch stehen den Stadtplanern und Spezialisten der Stadtentwicklung Möglichkeiten zur Verfügung. Dazu gehören die Wiedernutzung bereits bebauter Flächen wie Industriebrachen oder die Verwendung durchlässiger Deckschichten anstelle von Beton oder Asphalt.
Diese Experten müssen immer wieder das Für und Wider abwägen und sicherstellen, dass sie mithilfe der bereitstehenden politischen Instrumente bestmögliche Resultate erzielen. Dabei sind natürlich die menschlichen Bedürfnisse in den Städten und die Erhaltung des Bodens und seiner Leistungen zu berücksichtigen.

A. F.: 40 Prozent des Ackerlands befindet sich in einem Umkreis von 20 km um die Städte herum. Zwar ist es illusorisch, die Verstädterung stoppen zu wollen, man kann sie jedoch bremsen oder kanalisieren. Wie? Indem Landwirtschaftsflächen in den Bebauungsplänen vor konkurrierenden, rentablen Immobilienprojekten geschützt werden. Und indem die Städte und Infrastrukturen kompakter werden. Um dies zu erreichen, entwickelt Veolia Anlagen mit geringer Bodenfläche und baut unterirdische Infrastrukturen, wie dies zum Beispiel bei der südfranzösischen Kläranlage in Marseille der Fall ist. Eine weitere Lösung besteht darin, die vielen freien Flächen in der Stadt, wie zum Beispiel die Dächer oder Untergeschosse zu nutzen, um dort Landwirtschaft zu betreiben.

Antoine Frérot - Vorsitzender und CEO von VEOLIA

Antoine Frérot

„Um den Kampf gegen den Klimawandel zu gewinnen, müssen wir alle verfügbaren Kohlenstoffspeicher nutzen. Wälder sind bekanntermaßen solche Speicher, aber unsere Böden ebenso.“

Kann man Lösungen zur Sanierung oder Steuerung von Bodenknappheit weltweit gleichermaßen anwenden? Die Industrieländer verfügen über fortschrittliche Technologien, um bodenunabhängige Kulturen anzupflanzen, was in den Entwicklungsländern nicht der Fall ist.
 

E. M.: Natürlich sind die Böden von einer Region zur anderen vollkommen unterschiedlich. Ihre Bewirtschaftung hängt mit den Anbaupraktiken vor Ort, den Traditionen, dem institutionellen und politischen Rahmen und dem Marktmechanismus zusammen. Logischerweise müssen die Richtlinien und bewährten Verfahren weltweit an den jeweiligen Kontext und die jeweilige Umgebung unter Berücksichtigung des Kenntnisstands, des überlieferten Wissens, der Mittel und Technologien sowie der Verfügbarkeit der Materialien angepasst werden.

A. F.: Das gilt auch für die urbane Landwirtschaft. Es gibt mehrere Formen urbaner Landwirtschaft: außerhalb oder innerhalb von Gebäuden; horizontal, wie die Gemeinschaftsgärten von São Paulo, oder senkrecht wie in New York, manuell wie in Addis Abeba oder automatisiert wie in den Agrarfabriken Japans. Dabei werden elementare Anbaumethoden angewendet oder ultramoderne Technologien, die die Erträge steigern und die Betriebsmittel verringern. Diese große technologische Vielfalt gibt jedem Land die Möglichkeit, unabhängig vom Entwicklungsstand urbane Landwirtschaft zu betreiben.

Ein weiterer Vorteil der Böden besteht darin, dass sie ein wichtiger Kohlenstoffspeicher sind. Welche Rolle spielen sie bei der Verringerung der globalen CO2-Emissionen?

A. F.: Um den Kampf gegen den Klimawandel zu gewinnen, müssen wir alle verfügbaren Kohlenstoffspeicher nutzen. Wälder sind bekanntermaßen solche Speicher, aber Böden ebenso. Im Rahmen des INRA-Forschungsprojekts „4 pour 1000“, an dem auch wir mitwirken, besteht eines unserer Ziele darin, den Landwirten bei der Bewirtschaftung der Böden und der Steigerung ihrer Kohlenstoffspeicherfähigkeit zu helfen. Natürlich müssen neben den Verfahren für die CO2-Abtrennung die Treibhausgasemissionen an der Quelle verringert werden.

E. M.: Die Speicherung von Kohlenstoff im Boden ist nicht nur ein ausgezeichnetes Mittel zur Verringerung der Luftverschmutzung, sondern bietet auch zahlreiche ökologische Vorteile: die Freisetzung nährstoffreicher Elemente, der Rückhalt von Wasser, die Anhäufung und Absorption organischer und/oder anorganischer Schadstoffe… Die Bindung von Kohlenstoff stärkt darüber hinaus andere Leistungen des Ökosystems der Böden, wie zum Beispiel den landwirtschaftlichen Ertrag, die Versorgung mit Trinkwasser oder auch die biologische Vielfalt, wobei gleichzeitig der Gehalt an organischen Substanzen steigt und somit auch seine Güte verbessert wird. Durch eine intelligente, zweifache Nutzung von CO2 - das heißt, eine optimierte Bindung auf verarmtem Ackerland und eine Nährstoffzufuhr durch bereits nährstoffreiche Böden wie Torfmoor, schwarze Böden, Permafrost  - können wir uns der Herausforderung der globalen Emissionsminderung stellen.

Veolia entwickelt zahlreiche Initiativen und Projekte, die eine besonders verantwortungsbewusste und effiziente Nutzung natürlicher Ressourcen und Böden ermöglichen. Können Sie uns Beispiele für Ihre Lösungen nennen?

A. F.: Wir stellen für den Agrarsektor seit langem erneuerbare Ressourcen bereit, um seinen ökologischen Fußabdruck zu begrenzen. Wir stellen im Norden Frankreichs (Nord-Pas-de-Calais) aus organischen Abfällen Dünger her, die eine Alternative zu chemischen Düngemitteln sind; wir recyceln Abwasser, um in Queensland Australien Nahrungsmittelkulturen zu bewässern, was die Süßwasserreserven erhält; wir erzeugen umweltfreundliche Energie für die Aquakultur in Hamamatsu, Japan.

Gleichzeitig hat Veolia mit der Produktion von tierischen Proteinen aus Insektenlarven begonnen. In Frankreich und in Malaysia ist Veolia Partner von zwei Start-ups, die auf Insektenzucht spezialisiert sind und Mückenlarven auf biologischen Abfällen aufzüchten, um sie in Öl und Mehl für Fischfutter weiterzuverarbeiten.

Was tut die FAO, damit umweltfreundlichere, nahrungsmittelsichere Methoden, wie z.B. die Agrarökologie angewendet werden?

E. M.: Die FAO empfiehlt nicht speziell eine Methode, sondern eine Diversifizierung der Verfahren, wobei der Bedarf und die lokalen Besonderheiten berücksichtigt werden, und befürwortet die Komplementarität der Ernährungssysteme. Wir möchten weiterhin treibender Motor bei der Entwicklung von Alternativen zur konventionellen Landwirtschaft sein. Die Agrarökologie ist eine dieser Alternativen und sollte auf der Grundlage positiver Erfahrungen weltweit gefördert werden. Das gleiche gilt für Anbaumethoden, die in Vergessenheit geraten sind (Schutzpflanzungen, Terrassenanbau…), zur Lebensmittelsicherheit und Nahrungssicherung beitragen und wenig Umweltauswirkungen haben.

Welche Rolle könnten Unternehmen spielen, die sich auf nachhaltiges Ressourcenmanagement spezialisiert haben?

E. M.: Im Bereich der Landwirtschaft und der nachhaltigen Bodenbewirtschaftung spielt der Privatsektor eine wichtige Rolle. Man nehme das Beispiel des Internationalen Kodex zur nachhaltigen Düngerwirtschaft, dem alle FAO-Mitgliedsstaaten vor kurzem zugestimmt haben. Er soll Leitlinien für einen verantwortungsbewussten Einsatz von mineralischem und organischem Dünger geben und misst jedem einzelnen Akteur des Sektors einen hohen Stellenwert bei. Nur wenn wir Industrie und Unternehmen von umweltfreundlicheren Praktiken überzeugen können, werden die für ein nachhaltiges Ressourcenmanagement erforderlichen Investitionen getätigt. Allein mit privaten Finanzierungen könnte ein tiefgreifender Wandel bewirkt und den Ländern dabei geholfen werden, ihre Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

A. F.: Private Unternehmen spielen eine wichtige Rolle bei der Erforschung und Entwicklung von Sanierungslösungen für Böden, um sie in den Städten oder für landwirtschaftliche Zwecke neu zu nutzen, nachhaltige, ertragreiche Landwirtschaft zu betreiben und urbane Landwirtschaftsformen der Zukunft zu entwickeln, die zur Ernährungssicherheit der Städte beitragen.


Seit 1990 hat Veolia eine einschlägige Expertise entwickelt, um verunreinigten Böden zu einem zweiten Leben zu verhelfen. Um leistungsfähigere und weniger kostspielige Techniken zu entwickeln, startete Veolia mehrere Forschungsprojekte über die Dekontamination der Böden durch Mikroorganismen oder Phytosanierung. 

 

FAO

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) möchte einen Beitrag zur Beseitigung der Ernährungsunsicherheit in der Welt leisten. Sie unterstützt die Mitgliedsländer durch ihre Kompetenzen und Erfahrungen im Kampf gegen die wachsenden Herausforderungen der landwirtschaftlichen Entwicklung. Natürlich sind Bodenqualität und nachhaltige Bewirtschaftung zentrale Themen. Ihre zwischenstaatliche Expertengruppe für Böden hat zehn wesentliche Gefahren* ermittelt, die die Bodenqualität und -gesundheit beeinträchtigen und zu einer Verschlechterung der Bodenqualität führen. Diese Bedrohungen stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit menschlichen Aktivitäten, hauptsächlich einer nicht nachhaltigen Bodenbewirtschaftung, wie z.B. Beispiel intensiver Landwirtschaft, die den Einsatz großer Mengen von Chemikalien und schwerem Gerät erfordern. All dies sind Faktoren, die die Verunreinigung, die Erosion, den Verlust an organischem Kohlenstoff und biologischer Vielfalt, das Nährstoffungleichgewicht usw. beschleunigen und damit die Fähigkeit des Bodens zur nachhaltigen Nahrungsmittelproduktion stark einschränken.

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